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Kamalesh Maitra

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KAMALESH MAITRA - Ein Leben zwischen zwei Kontinenten


Ich habe die Ladung gehabt zum Fest dieser Welt, und so ist mein Leben gesegnet. Meine Augen haben gesehn, meine Ohren gehört.
Mein Teil auf diesem Feste war, mein Instrument zu spielen, ich habe alles, was ich konnte, getan.
Nun frag ich, ist endlich die Zeit mir gekommen, wo ich eintreten darf und dein Antlitz sehn und dir schweigend bieten meinen Gruß?

Rabindranath Tagore

Am 22. April diesen Jahres verstarb Kamalesh Maitra. Mit diesem Sonder-Rundbrief möchten wir an ihn und sein vielfältiges musikalisches Werk erinnern. Da meist nur seine Schaffenszeit in Deutschland und Europa bekannt ist, soll hier vor allem auf seine Zeit in Indien eingegangen werden, auch wenn die in diesem Zusammenhang genannten Personen hierzulande oftmals unbekannt sind. Der nachstehende Text ist leicht gekürzt dem Booklet seiner Tabla-Tarang-CD Melody on Drums entnommen. Ebenso stammen alle Fotos wenn nicht anders gekennzeichnet aus demselben Booklet. Ein zweiter Text wurde freundlicherweise von Peter Pannke zu Verfügung gestellt. Es ist die Laudatio, die er anlässlich der Preisverleihung für das Lebenswerk von Kamalesh Maitra in der Werkstatt der Kulturen 2000 hielt. Eine ausführliche Discographie, die uns Laura Patchen zur Verfügung gestellt hat, befindet sich am Ende des Rundbriefes.



Kamalesh Maitra
Original Text: Laura Patchen; übersetzt und leicht gekürzt: Norbert Klippstein


Kamalesh Maitra wurde 1924 im Bezirk Tangail, das heute zu Bangladesh gehört, in einer ayurvedischen Arztfamilie geboren. Wenig später zog die Familie nach Kalkutta um. Obwohl Musik in der Familie immer schon eine Rolle spielte, wurde er erst hier über die Musik, die aus einem Nachbarhaus erklang, davon fasziniert. Ungeachtet der Missbilligung seiner Familie bekam er von diesem Nachbarn, einem Sänger, ab 1940 seinen ersten Unterricht im Tablaspiel. Als die Auswirkungen des 2. Weltkrieg auch Kalkutta erreichten, zog die Familie nach Benares und hier setzte Kamalesh Maitra als junger High School Student seine Tablaausbildung unter der Anleitung von Professor Vasudev Chatterjee fort, einem Schüler von Pandit Kanthe Maharaj aus der Benares Gharana.

Mit der Familientradition brechend zog Maitra alleine nach Lucknow und bestritt dort seinen Lebensunterhalt bei einer Versicherungsgesellschaft. Seine Suche nach einem Tablalehrer in Lucknow führte ihn zu Sudharsan Adhikari, Schüler von Ustad Wajid Hussein Khan, dem Hauptvertreter der Lucknow Gharana. Hier lernte er auch Ustad Ali Akbar Khan kennen, der damals in Lucknow beim All India Radio arbeitete.

Nach Ende des 2. Weltkriegs kehrte Kamalesh Maitra mit der Versicherungsgesellschaft, für die er arbeitete nach Kalkutta zurück. Er trat beim Shivpur Musical Competition auf und gewann den ersten Preis. Im Zuge dieser Veranstaltung kam er auch mit Ustad Keramatulla Khan von der Farukhabad Gharana in Kontakt und wurde von ihm 1946 als sein Schüler angenommen.

In der folgenden Zeit etablierte sich Kamalesh Maitra als Tablaspieler in Kalkutta. Hier entschied er sich, auch unter dem Einfluss des Uday Shankar Films "Kalpana" und der Bühnenproduktion "Discovery of India" von Pandit Ravi Shankar, sein Leben ganz der Musik zu widmen. Sudharsan Adhikari, sein Tablalehrer in Lucknow, der auch für die Bühnenproduktion "Discovery of India" engagiert war, ermöglichte einen ersten Kontakt mit Pandit Ravi Shankar.

Durch einen befreundeten Sitarspieler kam er in Kontakt mit Amala Shankar, die in Kalkutta nach Musikern für das Uday Shankar Ballett Ausschau hielt und wurde engagiert. Innerhalb weniger Tage kündigte Maitra den sicheren Job bei der Versicherungsgesellschaft und ging nach Madras, um bei Uday Shankars Tänzern und Musikern als Master Drummer mitzumachen. Die Bedingung für dieses Engagement war, das Spiel der Tabla-Tarang zu erlernen - bis zu 16 auf einen Raga gestimmte Tablas, auf denen man Melodien spielt. Uday Shankar hatte für seine Bühnenproduktionen dieses Instrument in seine umfangreiche Instrumentensammlung integriert. Von Amala Shankar befragt, ob er Tabla-Tarang spielen könne, kündigte er an, innerhalb von 6 Monaten jedes Instrument erlernen zu können. So kam es 1950 zu seinem Engagement für Uday Shankar. Sein erster Mentor wurde Sishir Sobhon Bhattacharya, ein Bruder des berühmten Komponisten Timir Baran und langjähriges Mitglied des Uday Shankar Trainingcenter in Almora.

Obwohl auch Bhattacharya dieses Instrument nie gespielt hatte, konnte er doch Kamalesh Maitra die grundlegenden Techniken der Tabla-Tarang lehren. Uday Shankar ermutigte den Newcomer seine eigene Technik zu entwickeln und so erarbeitete er sich nach einem 8-Stunden Arbeitstag mit den Tänzern dieses Instrument.

linkes Bild: Kamalesh Maitra als master drummer des Uday Shankar Balletts in den frühen fünfizger Jahren.
rechtes Bild: Uday Shankar, Amala Shankar und ihre Tochter Mamata an der Großen Mauer, China 1957, mit Kamalesh Maitra und anderen Mitgliedern der Truppe, begleitet von einer Gruppe chinesischer Tanzstudenten.

Dies war der Beginn einer langen und erfolgreichen Zusammenarbeit mit Uday Shankar und seiner Truppe, die über 20 Jahre anhielt. Erste Tourneen führten die Truppe 1951-52 in die Vereinigten Staaten, Kanada und Europa. Und als Lalmani Misra, bis dahin Musikdirektor der Balletttruppe, 1953 ging, bekam Kamalesh Maitra die Verantwortung für die musikalische Abteilung.

1955 rief die indische Regierung die Sangeet Natak Akademy ins Leben, die heute in Kalkutta Rabindra Bharati University heißt. Neben Uday Shankar, als einer der Direktoren an der Academy, wirkte auch Kamalesh Maitra mit und verbrachte die nächsten vier Jahre als Orchesterkomponist und Assistent in der Manipuri-Tanz-Abteilung an der Akademy. Im gleichen Jahr öffnete das Ali Akbar Khan College of Music in Kalkutta. Kamalesh Maitra trat dem College bei und erhielt Unterricht auf der Sarod sowohl von Ustad Ali Akbar Khan wie auch von Srimati Annapurna Devi. Ein Jahr später wurde Maitra dann auch formell Musikdirektor von Uday Shankars Ballett. Im gleichen Jahr fand die Premiere des 2½- stündigen Uday Shankar Tanzdramas "The Great Renunciation - Life of Buddha" statt, für das er die Musik schrieb.

1957 folgte, nach einer Einladung von Chou EnLai, eine China Tournee der Balletttruppe. Dabei wurde auch Kamalesh Maitras Musik erstmalig aufgenommen und im Rundfunk gesendet.

Zwischenzeitlich wurde Maitra auch als Sarod- / Tablaspieler und Musikdirektor von Jog Sunder für seine Indian Revival Group (1958) engagiert. Hierbei bearbeitete er die aus allen Teilen Indiens für die Gruppe gesammelten Musikstücke und tourte die nächsten Jahre mit ihnen durch Nepal, Türkei, das damalige Jugoslawien, Marokko, Ägypten, Libanon und Ungarn. In Budapest wurde zum ersten Mal außerhalb Indiens sein Tabla-Tarang Solo fürs Fernsehen aufgezeichnet.

Die 60ziger Jahre waren eine Zeit großer Produktivität für Kamalesh Maitra. So arbeitete er am Uday Shankar Culture Center sowie mit Uday Shankars Balletttruppe selbst. Daneben komponierte und arrangierte er Musik für Dokumentarfilme, Bühnenproduktionen und Tanzdramen. Dazu zählt z.B. auch seine Musik für das Tanzdrama "Meghnath Bodh", das mit rund hundert Künstlern bei der Aufführung in Kalkutta Furore machte. Mit einer eigenen Tänzer- und Musikertruppe, den United Artists of India, reiste er mit seinem Programm "Glimpses of India" durch Indien. Daneben war er ein regelmäßig Gastmusiker bei Filmmusikproduktionen. Auch für das von 1964 bis 1965 produzierte Tranzdrama "Prakriti and Ananda" von Uday Shankar, nach einem Stück von Rabindranath Tagore (Chandalika), komponierte und arrangierte Kamalesh Maitra die Musik. Ein paar Jahre später, 1968, ging er zum zweiten mal mit der Uday Shankar Company auf eine Tournee in die Vereinigten Staaten und Kanada. Im gleichen Jahr tourte er auch mit Amala Shankar nach Bhutan und im Vorfeld der Weltausstellung EXPO '70 nach Japan. In Tokio gab er mit der Tabla-Tarang ein Solo-Konzert im Fuji TV und zurück in Kalkutta trat er in der renommierten Dover Lane Conference, dem Bongio Sanskriti Parisad Festival und bei anderen Gelegenheiten auf. In dieser Dekade machte Kamalesh Maitra auch ein Examen - Sangeet Probhakar - an der Musikhochschule Proyag Sangeet Samiti in Allahabad.

linkes Bild: Kamalesh Maitra mit seiner Tabla-Tarang auf der Japan-Tour 1968.
rechtes Bild: Uday Shankar und Kamalesh Maitra im Kalkutta Technician Sound Studio während der Aufnahmen zur Shankar Scope Produktion 1970.

Mit "Shankar Scope", dem letzten großen Werk Uday Shankars, erlangte Kamalesh Maitra für seine Kompositionen - Lieder wie auch Instrumentalmusik - große Beachtung. Diese abwechslungsreiche Show, die sogleich ein Kassenschlager war, kombinierte Film mit Theater und wurde 1970 uraufgeführt. Vor dieser letzten Zusammenarbeit mit Uday Shankar übernahm er die musikalische Leitung des Star Theaters in Kalkutta. Vier Jahre später wurde er von Pandit Ravi Shankar, dem jüngeren Bruder Uday Shankars, zur Teilnahme an dessen Musik Festival From India zur Tournee in die Vereinigten Staaten, Kanada und Europa eingeladen -ein Projekt, das von George Harrison produziert wurde. Zum großen Metamusik Festival 1976 in Berlin war Kamalesh Maitra als Tabla-Tarang-Solist eingeladen.

Cover der LP-Produktion Music Festival from India, 1976.
Stehend, von links nach rechts: Kamalesh Maitra, Satyadev Pawar, Harihar Rao, Vijji Shankar, Lakshmi Shankar, Kamala, T.V. Gopalkrishnan, L. Subramaniam, Kumar Shankar, Kartick Kumar.
Sitzend, von links nach rechts: Gopal Kishan, Veenkar, Anantlal, Rijram Desad, Alla Rakha, Ravi Shankar, Georg Harrison, Shivkumar Sharma, Hariprasad Chaurasia, Sultan Khan.

Der Tod Uday Shankars im Jahr 1977 fiel zusammen mit einer Einladung der in Berlin ansässigen deutsch-indischen Tanzschule Nataraj, worauf Maitra sich entschloss, nach Berlin zuziehen und dort zu unterrichten.

Ein Resultat seiner vielfältigen Konzertaktivitäten in Europa war ein rege Interesse von Schüler und Musiker von ihm indische Musik zu erlernen. Aus diesem Grund heraus gründete er 1980 sein Ragatala Ensemble, in dem sowohl indische wie auch westliche Musikinstrumente integriert waren und für das er Stücke auf der Basis der nordindischen klassischen Raagmusik komponierte. Ab 1982 begann Kamalesh Maitra an der Musikschule Wilmersdorf klassischen indischen Musik für Gesang und Instrumenten zu unterrichten. Zur gleichen Zeit wuchs auch sein Ensemble an und schließlich unternahmen sie Tourneen nach Spanien (1984), Indien (1989, 1994) und mit den Jahren in alle Teile (West-)Deutschlands. Zwischen 1983 und 1988 gehörte Kamalesh Maitra zu den Musikern, die mit Joachim Ernst Berendt und seinem "Nada Brahma, Die Welt ist Klang"- Projekt auf Tourneen nach Österreich, in die Schweiz und in Deutschland gingen.

Zwei Ragatala Aufnahmen und die erste LP-Aufnahme mit Tabla-Tarang-Musik wurden zwischen 1984 und 1986 von Kamalesh Maitra selbst veröffentlicht. In dieser Zeit arbeitete er auch mit Pandit Ravi Shankar in Paris für die Musik zu dem Film "Genesis" von Mrinal Sen zusammen. Im Laufe seiner Karriere als professioneller Musiker wurden unzählige Aufnahmen auf Singles, Kassetten, LPs und CD-Produktionen veröffentlicht. Seit er in Europa ankam, spielte er auch als Gast bei verschiedenen Jazz-, Folk-, Rock- und Popgruppen mit. Daneben hat Kamalesh Maitra auch einen kurzen Dokumentarfilm mit dem Titel "Tabla - The Indian Drum" produziert, der die verschiedenen Phasen der Tabla-Herstellung zeigt. Einen lebenslanger Traum verwirklichte sich für Kamalesh Maitra, als seine Kompositionen für ein Symphonieorchester arrangiert und das erste mal von einem Jugendorchester der Musikschule Wilmersdorf 1986 und nochmals vom Kammerorchester Unter den Linden während des Festival of India "Parampara!" 1992 in Deutschland aufgeführt wurden.

Im Jahr 2000 wurde Kamalesh Maitra mit einem Ehrenpreis für sein Lebenswerk im Rahmen des Festivals "Musica Vitale - Musikpreis der Kulturen" in der Werkstatt der Kulturen geehrt. 2003 spielte er anlässlich der Verleihung des Padmabhushan Titels an Zubin Meta durch den Botschafter der Indischen Regierung auf Wunsch des Geehrten.

Einen weitern Höhepunkt in seinem musikalischen Schaffen stellte die Fertigstellung und Uraufführung seiner "Raag Symphonia" im Haus der Kulturen der Welt im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen 2003 in Berlin dar.

linkes Bild: Während der Aufnahmen zur CD Melody on Drums, 1994. Kamalesh Maitra (Tabla Tarang), Trilok Gurtu (Tabla) und Laura Patchen (Tanpura).
rechtes Bild:Kamalesh Maitra während eines Auftritts mit Embryo 2003 in Berlin. (Quelle: www.embryo.de)

Noch bis Ende 2004 trat Kamalesh Maitra als Solist mit seiner Tabla-Tarang im In- und Ausland erfolgreich auf. Am 22. April 2005 verstarb er nach längerer Krankheit.

Zeit seines Lebens war Kamalesh Maitra ein aktiver Musiker und Lehrer. Tourneen führten ihn mit der Tabla-Tarang 1987 in die Vereinigten Staaten und 1989 sowie 1994 nach Indien und führten auch dazu, dass das Vermächtnis, das ihm von seinem Lehrer Uday Shankar mitgegeben wurde, bewahrt blieb. Geachtet als der letzte Virtuose auf diesem seltenen Instrument Tabla-Tarang, war seine Mission, dieses Instrument vor dem Aussterben zu bewahren, mit der Hoffnung, eine jüngere Musikergeneration für die Tabla-Tarang zu inspirieren damit die Arbeit, die er Begonnen hatte fortgesetzt wird.


Laudatio auf Kamalesh Maitra anlässlich der Verleihung des Sonderpreises von "Musica Vitale 2000" in der Berliner Wekstatt der Kulturen am 30.September 2000 von Peter Pannke


"Liebe Freundinnen und Freunde der Musik anderer Kulturen, liebe Hörerinnen und Hörer dieses Preisträgerkonzerts, vor allem aber lieber Kamalesh Maitra!

Natürlich ist es für mich eine ganz besondere Freude, Dir zu der Auszeichnung mit dem neu geschaffenen Sonderpreis von "Musica Vitale" gratulieren, der Dir heute für Deine Beiträge zum weltmusikalischen Leben der Stadt Berlin verliehen wird. Ich muss aber auch gleich dazu sagen, dass ich auf diese Auszeichnung schon lange gewartet habe. Vielleicht hast Du in Deiner allzu großen Bescheidenheit und Deiner Scheu, über Dich selbst zu sprechen, mit zu dieser langen Wartezeit beigetragen. Ich hoffe, Du wirst mir verzeihen, dass ich jetzt einiges über Dich ausplaudern werde, was vielleicht nicht alle der hier Anwesenden bereits wissen.

Dass Du ein Musiker werden würdest, wurde Dir nicht an der Wiege gesungen. Deine Familientradition war die der ayurvedischen Medizin, und Du musstest einiges hinter Dir lassen, bevor Du Dich auf Deinen eigenen musikalischen Weg machen konntest. Begegnet bist Du der Musik in Kalkutta, aber wirklich davongelaufen - auf einen Weg, der Dich viele Male um die Erde führen sollte - bist Du Deiner Familie erst, als Du in Lucknow auf Ali Akbar Khan trafst. Diese Begegnung mit dem grossen Meister der Sarod hat Dein Leben geprägt, genau wie die wenig später folgende mit Uday Shankar - ein Weltmusiker avant la lettre ebenso wie sein kleiner Bruder Ravi, der - zusammen mit Dir und einer ganzen Phalanx anderer Musiker - die Perspektiven der Musik des 20.Jahrhunderts verändern sollte. Das kam nicht von ungefähr. Die Shankars waren innovative Künstler, die in einer wachen bengalischen Kunstszene aufwuchsen, die nicht nur Musik umfasste, sondern auch Tanz, Literatur, Theater, Film und Malerei und die schon seit Anfang des Jahrhunderts über die Grenzen des Landes hinauszustreben begann. Es nimmt nicht Wunder, daß sich Ravi Shankar, als er von seiner ersten Welttournee als Tänzer zurückgekehrt war und sich nun ernsthaft mit der Sitar zu beschäftigen begann, den vielseitigsten und erfinderischsten Musiker zum Lehrer erkor, der damals in Indien zu finden war - Allauddin Khan. Der war nicht nur ein phantastischer traditioneller Interpret der Sarod, sondern hatte mit vielen Instrumenten experimentiert und selbst auch schon ein Orchester zusammengestellt. Die Shankars aber strebten in die Ferne - inspiriert von Hollywood, entstand in den 40er Jahren der Tanzfilm "Kalpana", und als sie nach der indischen Unabhängigkeit im Jahre 1947 ein neues Projekt angingen, das nach Nehrus Buch "Discovery of India" die alten Traditionen der jungen indischen Republik vorstellen sollte, trafen sie in Lucknow einen vielseitig begabten jungen Musiker namens Kamalesh Maitra. Der hatte bei Ali Akbar Khan mit dem Studium der Sarod begonnen, war aber auch schon als Tablaspieler versiert. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zwar noch als Angestellter bei der "Prudential Assurance Company", aber dieser Kamalesh gefiel den Shankars so gut, daß sie ihn innerhalb von Tagen überzeugen konnten, seinen Job aufzugeben und mit auf Tournee zu kommen. So begann eine 25jährige Zusammenarbeit, die 1974 in der von George Harrison organisierten Welttournee von "Ravi Shankars Music Festival from India" mündete.

Nach Berlin kamst Du dann 1976, zum inzwischen fast schon zur Legende gewordenen Metamusik-Festival. Der Begriff "Meta" des unvergessenen Initiators Walter Bachauer stand für ein kasten- und kästchenloses Musikbewusstsein, dem die "Querlinien durch die Weltmusik" wichtig geworden waren - ein erster weltmusikalischer Paukenschlag, der vieles vorwegnahm, wenn nicht sogar überholte, was sich heute "World Music" nennt und schließlich auch Dich nach Berlin gelockt hat. Dem Weg der grossen Innovatoren Allauddin Khan und seines Sohnes Ali Akbar Khan und dem des Bruderpaares Uday und Ravi Shankar bist Du auch in Berlin mit großer Konsequenz gefolgt, und zwar gleichzeitig als Musiker, als Komponist und als Lehrer. Heute ist Berlin die Stadt, in der Du die längste zusammenhängende Zeit Deines Lebens verbracht hast. Mit der Würde eines bengalischen Gentleman hast Du hier darüber hinweggesehen, dass die Stadt über viele Jahre hinweg anscheinend gar nicht so recht bemerkt hat, was für ein hochkarätiger Weltmusiker in ihren Mauern lebt.

Wenn der heutige Tag dazu hilft, diese Perspektiven ein wenig gerade zu rücken, sollte das mich und uns alle freuen. Wir brauchen hier in Deutschland nämlich nicht nur indische Computerspezialisten, sondern auch indische Musiker. Das mag etwas an den Haaren herbeigezogen klingen, ist aber durchaus ernsthaft gemeint. Das System der unzähligen rhythmischen und melodischen Permutationen und Kombinationen - eines der wesentlichsten Elemente indischer Kunstmusik - ist ein über Jahrtausende hinweg entwickelter Ausdruck indischen Denkens. Dass sich Inder heute weltweit als vorbildliche Computerprogrammierer erweisen, ist nur ein anderer Ausdruck dieses musikalischen Geistes. Die "Ars Combinatoria" und "Ars Memoria", deren Entwicklung wir in Europa Leibniz und Athanasius Kircher zuschreiben und die sich schließlich zur weltweiten Computersprache formte, wurde in Indien - gerade auch von musikalischen Gehirnen - schon viele Hunderte von Jahren gepflegt, bevor sie in Europa erstmals auftauchte.

Indische Musikmeister als Professoren an unseren Hochschulen könnten uns verstehen helfen, dass die Geschichte der Weltmusik nicht vor hundert Jahren in Berlin begann, sondern sich schon mindestens zweitausend Jahre vorher in Indien in einem hochentwickelten Stadium befand. Nicht nur im Sinne musikalischer Praxis, sondern durchaus auch im Sinne wissenschaftlicher Reflexion. Wenn heute zu gleicher Stunde im Dahlemer Ethnologischen Museum das hundertjährige Bestehen des Berliner Phonogrammarchivs gefeiert wird, sollte da etwa ergänzt werden, dass - um nur ein Beispiel zu nennen - das wissenschaftliche System der Klassifikation von Musikinstrumenten, das dem verdienstvollen Erich Moritz von Hornbostel zugeschrieben wird, in nahezu identischer Form schon vor annähernd 2000 Jahren von Bharata, dem Autor des indischen Musik- und Dramalehrbuchs "Natyashastra", beschrieben worden ist. Nur eins der vielen Beispiele, die ich nicht weiter ausführen kann, das aber illustrieren soll, dass wir hier in Deutschland auch musikalische Nachhilfe gut gebrauchen können, und zwar nicht im Sinne einer Ethno-Musik oder Ethno-Musikologie - das griechische Wort "Ethnoi" bezeichnet ja die Heiden, die Andersgläubigen, und Musikethnologie bedeutet nichts anderes als "Heidenklangkunde" - sondern im Sinne einer Weltmusik und einer Weltmusikwissenschaft, zu der Mozart und Beethoven genauso gehören sollten wie Tyagaraja und Tansen. In diesem Sinne, lieber Kamalesh Maitra, wünsche ich nicht nur, dass Du noch recht lange bei uns hier in Berlin bleiben mögest, sondern dass Dir mindestens 10.000 weitere musikalische Greencardinhaber - um Missverständnisse auszuräumen: Ich meine damit keine auf fünf Jahre begrenzte Aufenthaltsgenehmigung, sondern das Bleiberecht - und viele weitere Preisträger folgen werden."
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Discography: Pandit Kamalesh Maitra
Zusammengestellt von Laura Patchen


1968
Uday Shankar Hindu Dancers and Musicians - The Dance Drama of Prakriti and Ananda. Columbia Records MS 7205. (LP)

1969
Kamalesh Maitra - Tabla Tarang - Magnificent Percussion of India. HMV The Gramaphone Company of India Ltd. 7EPE .1088. (45 RPM)

1971
Uday Shankar's Shankar Scope. Odeon - The Gramaphone Company of IndiaBOE .1022. (45 RPM)
Uday Shankar's Shankar Scope. Odeon - The Gramaphone Company of IndiaBOE .1023. (45 RPM)
Uday Shankar's Shankar Scope. Odeon - The Gramaphone Company of IndiaBOE .1024. (45 RPM)

1976
Ravi Shankar's Music Festival from India. Dark Horse Records AMLH 22007. (LP)

1978
Meghnadbadh Kavya mit Suchitra Mitra. INRECO Indian Record Company 2425-5014. (LP)

1980
Kamalesh Maitra - Tabla Tarang und Ensemble indischer Trommeln. Maitra Production. (MC)

1981
Tri Atma - Instead of Drugs. RCA Records PL 28477. (LP)

1983
Mark Nauseef - Sura. CMP Records 21 ST. (LP)
Nada Brahma - Die Welt ist Klang mit Joachim Ernst Berendt. Wergo/Spectrum SM 1044-10. (MC)

1984
Kamalesh Maitra - Tabla Tarang. Maitra Production. (MC)
Kamalesh Maitra und sein Ragatala Ensemble. TELDEC Schallplatten 66.23458. (LP) 1986
Genesis - Ravi Shankar: Bande Originale du Film de Mrinal Sen. Milan Original Soundtrack Records A 287. (LP)
Tabla Tarang - Ragas on Drums. TELDEC Schallplatten 66.23798. (LP)
Kamalesh Maitra and his Ragatala Ensemble. TELDEC Schallplatten 66.23745. (LP)

1987
Der Zuckerbäcker aus Kalkutta - Indische Geschichten. funkuchen 62012. (MC)
Yoga Ton-Bildbuch mit Erika Richter. Saha Musikverlag SMCY. (MC) Tiefenentspannung auf 4 Ebenen mit Erika Richter. Saha Musikverlag SMCE. (MC)

1988
Falco - Wiener Blut. TELDEC Record Service 6.26846 AS. (LP)

1991
Four Drummers Drumming - Electricity mit Albrecht Riermeier. Backyard Records RIFF 911-2. (CD)
Lost in Thailand with Tom Cunningham. TGR 91 00 11. (CD) Ich Höre Istanbul - Jazz a la Turka mit Sema & Taksim. Nebelhorn 008. (CD)

1993
Masters of Raga: Kamalesh Maitra - Tabla Tarang - Ragas on Drums. WERGO SM 1602-2. (CD)
Om Shakti Om - Indische Mantras und Bhajans. Yogaschule Rékai. (MC)

1994
The Voice of Sarod from the Strokes of Drums - Tabla Tarang by Pandit Kamalesh Maitra. HMV The Gramaphone Company of India Ltd. STCS 850368. (MC) & (CD) Morungen - Songs from a Visionary Musical mit Peter Pannke. Wergo/Spectrum SM 1087-2. (CD)

1995
Rhythm and Time - Global Percussion Songs. Biber Records 66601. (CD)

1996
Tabla Tarang - Melody on Drums. Smithsonian/Folkways Recordings and IITMSF 40436. (CD)

1998
Kamalesh Maitra - Ragatala Ensemble - Tabla Tarang. KAMALESH Productions CD-9801. (CD)
TARANG - Pandit Kamalesh Maitra Live at the House of the Cultures of the World. KAMALESH Productions CD-9802. (CD)

2000
Kamalesh Maitra - Ragatala Ensemble. KAMALESH Productions CD-0003. (CD)